Aus gegebenem Anlass :-(
1. März 2009 | Von harry | Kategorie: GedichteDie andere Seite des Schirms
Nach den Bildern der schrecklichen Massenkarambolage
auf der A1 kommt Werbung.
Ich beschließe zur Toilette zu gehen,
in meinen Gedanken noch das Leid der Angehörigen.
Durch die halb geöffnete Türe höre ich,
wie sich Johannes B. Kerner über seine gesunde
Ernährung freut.
Ich könnte auch gesünder leben,
schießt es mir kurz durch den Kopf.
Auf Kabel läuft ein Bericht über Dafur.
Ich lebe auf der richtigen Seite des Schirms
und schäme mich ein bisschen.
Was tun beim Anblick des Elends?
Ein Gefühl von Ohnmacht beschleicht mich.
Ich schalte um.
Es gibt immer einen Ausweg.
Bei DSDS tritt gerade eine grandiose Sängerin auf.
WDR, endlich eine Reportage.
Plötzlich bin ich ganz bei der Sache.
Es geht um eine Berliner Hauptschule,
ich mache mir gerade eine Flasche Bier mit Feige auf.
Das erlaube ich mir, weil es nur 2,5% Alkohol hat.
Es ist neu auf dem Markt, hat Eva erzählt.
Sie kennt es, aus der Werbung.
Der Rektor sagt, seit drei Jahren hätte keiner
der Schulabgänger mehr eine Lehrstelle bekommen.
Ich will gerade die Flasche ansetzen,
da sehe ich ein etwa 15 Jahre altes Mädchen.
“Wovon träumst Du”, fragt die Stimme aus dem Off.
“Von einem Praktikum bei Kaufland”, antwortet die Kleine.
Und, “aber daraus wird wohl nichts”.
Dabei schaut sie ganz verloren
und wirkt furchtbar zerbrechlich.
Der Zuschauer weiß, was aus ihr wird.
Sie weiß es auch.
Mir schießen Tränen in die Augen.
Das ist schon seit Ewigkeiten nicht mehr passiert.
Krankenpflege härtet ab.
Ich schalte ab und einen Tee auf.
Die Illusion von vermeintlicher Sicherheit ist es mir wert,
zum Zuschauer und Voyeur geworden zu sein.
Weit weg von Opfern oder Tätern.
Geborgen in der anonymen Masse der Betroffenheits Gesellschaft.
Die Realität wird mir portioniert nach Hause geliefert,
in appetitlichen Dosen
und ich fresse Alles!
Ständig höre, sehe und lese ich dabei grauenvolle Dinge,
aber die Welt muss doch noch intakt sein.
Solange Dieter Bohlen Sprüche klopft
und sich Bauer Heinrich eine Frau sucht,….
da kann doch alles nicht so schlimm sein,
wie man immer tut.
Oder?
So ganz sicher bin ich mir nicht,
aber solange ich die Fernbedienung in der Hand halte,
habe ich die totale Kontrolle.
P.S
Ich frage mich,
ob nicht die dauerhafte Rolle als Zuschauer des Lebens unsere
Fähigkeit zur Empathie blockiert und damit der Nährboden für
Gewaltbereitschaft ist.
Mit den Opfern, die uns die mediale Welt präsentiert, können wir
kein echtes Mitleid empfinden.
Das Leid versteckt sich hinter Zahlen und Bildern,
die nicht greifbar und erlebbar sind.
Wir ersetzen Wirklichkeit durch eine Instant Realität,
dessen Pulver uns von der Medien Industrie gebrauchsfertig geliefert wird.
Vielleicht ist die Waffe eines Amokläufers,
nur der verlängerte Arm der Fernbedienung.
Er schaltet alles aus, was ihm weh tut und geht in eine andere Welt.
In die auf der anderen Seite des Schirms!
Euer Harald









Ein ausgezeichnet geschriebener und sehr zutreffender Artikel. Ist es nicht erstaunlich, wie unsensibel die Medien heute mit menschlichen Schicksalen umgehen? Egal, ob in Dafur Menschen auf grausame Weise verrecken, oder anderswo auf der Welt ganze Völker versklavt werden - es ist immer dasselbe. Irgendwo und irgendwann taucht ein Werbemanager auf und lässt uns erzählen, wie gesund der neue Joghurt ist.
Einfach geschmacklos. Nicht nur der Joghurt.
Ich habe meinen Fernseher vor 2 Wochen entsorgt. Wenn ich schon keine Arbeit habe, möchte ich gern selber entscheiden, was mich interessiert. Seither sind meine Tage länger und mit sinnvolleren Inhalten gefüllt. Ich lese wieder Bücher, informiere mich im Internet über Themen, die ich spannend finde und habe mehr Zeit mir meine eigenen Gedanken zu machen.
Fernseher wegwerfen ? Kann ich jedem empfehlen.
R.
Die Mediendarstellung von Gewaltakten rund um den Globus verabscheue ich ebenfalls, wenngleich ich selbst keine bessere Handhabung als eine pure Faktenschilderung parat habe.
Viel schrecklicher finde ich jedoch, selbst wenn es nicht direkt der Kern deines Artikels ist, die aufgezeigt Perspektivlosigkeit eines Teils der Gesellschaft - und das in einem Alter, in dem das geistige, kreative Potential gefördert werden müsste. Diese… ja wahrlich systematische Vorbereitung auf die Arbeitslosigkeit und ein Leben ohne berufliche Perspektive (sofern man da nicht irgendwie rausgeholt wird oder sich durch eigene Kraft dort herausarbeitet). Es ist… pervers, widerlich, handelt es sich doch um Menschen wie du und ich. Und sowas will als “moderne Gesellschaft” resp. “Wissensgesellschaft” durchgehen.
– Carsten
P.S. Zu Beginn meines Studiums, vor 4 Jahren, habe ich mich bewusst gegen den Besitz eines Fernsehers entschieden - nicht zuletzt aus selbigen Gründen. Kann daher Rogilla nur beipflichten: Eine bessere Entscheidung wird man selten treffen.