Vorlese Geschichte für die Kleinen

3. Februar 2009 | Von harry | Kategorie: Für die ganz Kleinen

Hilda, das Gänseblümchen

Es wurde gerade Frühling im ganzen Land und mit den
ersten warmen Sonnenstrahlen erwachte auch
Hilda Tausendschöns Wiese zu neuem Leben.
Bienen und Hummeln summten umher und
die Vögel zwitscherten ein fröhliches Lied dazu.

Hilda steckte ihr kleines Köpfchen aus der noch feuchten
Erde und staunte darüber, wie warm es schon war.
Der Winter in der Erde war kalt und einsam gewesen und sie konnte es
gar nicht mehr abwarten zu hören, wie es den anderen ergangen war.
“Hoffentlich ist keiner erfroren”, dachte sie.
Also rief sie, so laut sie konnte;
“Hallo, seid ihr noch alle da?”
Erst kam keine Antwort und sie war schon sehr in Sorge.
Doch dann hörte sie die anderen Gänseblümchen nach ihr rufen.
“Hildchen, bist Du das?
Wo steckst Du denn?
Wir können Dich gar nicht sehen.”
Und tatsächlich, erst jetzt fiel Hilda auf, dass sie die Wiese gar nicht überblicken konnte.
Das Gras war einfach zu hoch und so starrte sie nur gegen eine grüne Wand.
“Das Gras ist ja mindestens zwei Meter hoch”, rief Hilda,
“ich kann nur den Himmel sehen.”
Da hörte sie die anderen Gänseblümchen herzhaft lachen.
” Hildchen, so hohes Gras gibt es doch gar nicht”, kam es zurück.
” Du bist einfach nur zu klein, deshalb kannst Du uns nicht sehen.
Wir haben einen herrlichen Ausblick.”
“So was”, dachte Hilda, “das ist aber schade.”
Sie streckte sich und räkelte sich.
Doch so viel sie sich auch mühte, es gelang ihr einfach nicht, sich größer zu machen.
“Ich fürchte, ich muss wohl noch ein wenig wachsen”, rief Hilda.
Die anderen Gänseblümchen lachten und waren guter Dinge.
Hilda aber beschloss, sich ab jetzt richtig anzustrengen und das größte
Gänseblümchen weit und breit zu werden.
“Reine Willenssache”, meinte sie.
Doch da sollte sie sich täuschen.
Die Tage vergingen und nichts geschah.
Dann kam endlich ein heftiger Regen und Hilda witterte ihre Chance nun doch
ein ordentliches Stück zu wachsen.
Das tat sie auch, aber leider reichte es immer noch nicht.
Danach versuchte sie es mit Gymnastik und drehte sich im Wind,
so schnell sie nur konnte.
“Das ist gut für die Muckis”, meinte sie, “damit werde ich es schaffen.”
Doch als sie am nächsten Morgen mit schmerzendem Stängel aufwachte,
war sie wieder keinen Millimeter gewachsen.
Hilda wurde immer trauriger und verzweifelter.
Sie hatte sich schon fast damit abgefunden den Sommer alleine und ohne
den herrlichen Ausblick zu verbringen, da erbebte plötzlich die Erde.
Hilda fuhr erschrocken zusammen und wenn sie gekonnt hätte,
sie wäre vor lauter Angst bestimmt davon gelaufen.
Der traumhafte blaue Himmel verdunkelte sich und plötzlich
blickte sie in zwei riesengroße Augen.
“Wer bist du denn?” wollte Hilda erschrocken wissen.
“Ich bin Frieda, die Kuh”, hörte sie eine freundliche Stimme, “ich grase hier.”
“Das ist ja wohl die Höhe! Das ist unsere Wiese”, entgegnete Hilda empört.
“Entschuldige bitte”, sagte Frieda sanft.
“Es war wirklich nicht meine Absicht, dich zu erschrecken”.
Da kam Hilda plötzlich die rettende Idee.
“Sagtest Du grasen? Willst Du damit sagen, Du isst das grüne Zeug?”
“Natürlich”, antwortete Frieda.
“Wir Kühe essen gar nichts anderes, Gras ist das Leckerste, was es gibt auf der Welt!”
“Würde es Dir etwas ausmachen, mir etwas die Sicht frei zu fressen? Aber nur das Gras, nicht die Blumen!”, bat Hilda schon deutlich freundlicher.
“Das ist einer meiner leichtesten Übungen”, sagte die Kuh und begann sofort
mit der Arbeit.
Und eh sich Hilda versah, hatte Frieda schon die Gräser weggeputzt, die ihr so lange
die Sicht versperrt hatten.
Und da standen sie plötzlich, all ihre Schwestern und Brüder.
Jeder Einzelne von ihnen, wunderschön und alle um ein Vielfaches größer
als Hilda Tausendschön.
“Schaut mal, da ist Hildchen Tausendklein”, rief schon der Erste.
“Hildchen ist ja ein Kümmerling”, kam es aus einer anderen Ecke.
Und die Gänseblümchen bogen sich vor Lachen.
Am Liebsten wäre sie wieder in der Erde verschwunden, so schämte sich Hilda.
” Mache Dir nichts daraus”, meinte Frieda, “die sind blöd.
Kümmere Dich nicht um die. Wenn Du möchtest können wir Freunde werden”.
Und so kam es dann auch.
Frieda wurde Hildas allerbeste Freundin und sie standen stundenlang zusammen und
redeten und redeten.
Frieda konnte die tollsten Geschichten erzählen.
Sie war nämlich eine weit gereiste Kuh und kannte alle Wiesen der Umgebung.
Nun war sie schon sehr alt und da sie so eine tolle Milchkuh war,
ließ der Bauer sie alleine auf die Wiese.
Das ständige Herumreisen mit den anderen Kühen war ihr in ihrem Alter
einfach zu stressig geworden.
Die anderen Gänseblümchen ließen zwar keine Gelegenheit aus,
Hilda wegen ihrer Größe zu hänseln, aber das störte sie nicht mehr.
Insgeheim beneideten die anderen sie nämlich nur wegen ihrer Freundschaft zu Frida.
Doch eines Tages passierte es dann.
Nachdem sich die beiden wieder einmal bis in die frühen Abendstunden
Geschichten erzählt hatten, wendete sich Frida gerade ab,
um an einer anderen Stelle zu grasen.
Plötzlich hörte Hilda einen lauten Knall und aus Friedas Hinterteil fiel
mit einem großen Plumps ein riesiger Kuhhaufen mitten auf Hildas Kopf.
” Oh Gott, das ist mir aber peinlich”, sagte Frieda erschrocken.
Hilda hatte allergrößte Mühe, ihren Kopf aus dem Misthaufen zu bewegen
und nach Luft zu schnappen.
Die anderen Gänseblümchen platzten fast vor Lachen.
“Siehst Du, das hast Du nun davon”, riefen sie.
” Jetzt nennen wir Dich nur noch Hildchen Tausend Mist”, brüllte einer.
“Mach das sofort wieder weg, das ist ja eklig”, sagte Hilda zu Frieda.
Doch Frieda konnte ihr nicht helfen, da Kühe ja nun einmal keine Arme und
Hände haben.
Hilda schimpfte wie ein Rohrspatz, doch es war einfach nichts zu machen.
Frieda verzog sich kleinlaut und wäre wohl am Liebsten im Erdboden verschwunden
vor lauter Scham und ließ sich zwei Tage nicht mehr blicken.
Am dritten Tag trippelte Frieda dann doch wieder langsam und schüchtern in die Richtung,
in der Hilda stand.
Und dann sah sie es schon von Weitem.
Hilda war plötzlich riesengroß geworden und überragte alle anderen Gänseblumen um Längen.
“Hildchen bist Du das?”, fragte sie zaghaft als sie näher kam.
“Lass mich in Ruhe”, antwortete Hilda mürrisch.
” Du hast mich zum Gespött der anderen gemacht, das verzeihe ich Dir nie, Du blöde Kuh.”
Frieda trottete sich und verschwand in der hinterletzten Ecke der Wiese und grübelte darüber nach,
wie sie ihr Missgeschick wieder gut machen könnte.
Und während das Gras wieder zu wachsen begann, schmollte Hilda weiter vor sich hin.

Am nächsten Nachmittag passierte es dann.
Ein kleines Mädchen lief mit seiner Mutter gerade den Feldweg an der Wiese entlang
und sagte plötzlich; ” Guck mal Mami, hast Du schon mal so eine
riesengroße Gänseblume gesehen?”
Und ehe die Mutter etwas erwidern konnte, war es auch schon durch den Stacheldrahtzaun geklettert und lief auf Hilda zu, um sie zu pflücken.
Hilda hörte die trampelnden Schritte und fürchtete um ihr Leben.
Als die Kleine schon die Hand nach ihr ausstreckte, schloss Hilda mit ihrem
kurzen Leben ab.
Plötzlich hörte sie das Mädchen rufen; “Igitt, die ist ja voller Mist.”
“Das macht doch nichts”, hörte sie die Mutter sagen.
“Dann nimm halt die Anderen, da stehen doch noch genug herum.”
Und so geschah es dann auch.
Die Kleine pflückte eine nach der anderen und es dauerte nicht lange und
Hilda war das einzige Gänseblümchen weit und breit.
Frieda beobachtete das Geschehen aus der Entfernung und war wie gelähmt vor Entsetzen.
Dann fasste sie allen Mut zusammen und galoppierte in die Richtung, in der sie
ihre Freundin vermutete.
“Hildchen, Hildchen, lebst Du noch?”, rief sie immer verzweifelter.
“Hier bin ich Frieda”, kam es plötzlich aus dem zertrampelten Gras.
Frieda war überglücklich und konnte es kaum fassen, dass Hilda noch lebte.
Von nun an, wich sie keinen Schritt mehr von Hildas Seite.
Der Bauer wunderte sich, wenn er nach Frieda schaute,
denn immer stand sie an demselben Fleck.
Hätte er einmal genau hingehört, dann würde er wissen,
wie angeregt sich die Beiden unterhielten.
Frieda und Hilda Tausendschön hatten jedenfalls noch Geschichten für viele glückliche,
gemeinsame Jahre.

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